Wobei kann Psychotherapie im Gehen helfen?

Fachartikel von Robert Riedl

Psychotherapie im Gehen bezieht den Körper in den therapeutischen Prozess ein. Schließlich ist der positive psychische Einfluss von Bewegung gut erforscht. Regelmäßiges Gehen verbessert etwa Stimmung, Schlafqualität, Selbstvertrauen und Selbstwert.

Fest steht auch, dass Gehen und Naturerleben das Auftreten von Depressionen, Ängste und Stress verringern. Gefühle der Hoffnungslosigkeit und sogar Suizidgedanken können sprichwörtlich vergehen, wenn man in die freie Natur geht. Gehen an sich ist also bereits eine Therapie.

Der Großteil der Personen, die einen Psychotherapeuten aufsuchen, leidet unter depressiven Verstimmungen. Sie fühlen sich freudlos, unmotiviert und dauerhaft erschöpft. Häufige Gründe sind auch Ängste und berufliche oder private Belastungen bzw. Stressreaktionen. Aber auch in anderen vertraulichen Gesprächen hört man immer seltener: "Mir geht es wunderbar!"

Häufiger kommt die Antwort: "Nun, es geht so..." und "Es muss gehen..." oder "Ehrlich: es geht mir eigentlich nicht gut!" – Alltagssprachlich drückt sich unsere seelische Befindlichkeit im Zeitwort gehen aus. Die Frage nach dem "Wie geht´s?" leitet sich von Ergehen bzw. Wohlergehen ab. Ursprünglich war damit gemeint: "Wie ergeht es dir?"

Diese begriffliche Übereinstimmung scheint nicht zufällig. Zahlreiche Redewendungen verwenden das Bild des Gehens, wobei Physisches und Psychisches ineinandergreifen. So kann etwas gut ausgehen. Man kann als Sieger hervorgehen. Unser Karriere kann vorangehen. Wir können ein Problem angehen oder ihm bewusst aus dem Weg gehen. Man kann auf eine Problem- oder Fragestellung eingehen. Manchmal geht man lieber auf Nummer sicher, damit nichts schiefgeht. Andere wollen gleich aufs Ganze gehen oder zumindest bis an ihre Grenzen gehen. So manches hätte ins Auge gehen können. Bei bestimmten Dingen hätte man ruhig davon ausgehen können, dass alles gut geht. Uns kann etwas nahe gehen oder sogar unter die Haut gehen. Man kann etwas durchgehen lassen oder über sich ergehen lassen. Personen können aus sich heraus gehen. Wir könnten an die Decke gehen oder auf jemanden losgehen, der uns auf die Nerven geht. Schmerzen können durch Mark und Bein gehen. Man selbst kann durch die Hölle gehen. Der Alltag kann drunter und drüber gehen. Gelegenheiten oder einmalige Chancen können uns entgehen. Es kann einem das Lachen vergehen. Man kann eine Dummheit begehen oder mit besonderer Sorgfalt vorgehen. Gewisse Personen können mit uns gut umgehen. Menschen können andere hintergehen. Wir können Verbindlichkeiten oder Beziehungen eingehen, und Beziehungen können kaputt gehen oder in die Brüche gehen. Sogar Selbstmorde werden begangen. Wenn sich unsere persönliche Lebenslage verbessert, sagt man: "Es geht bergauf" oder "Ich bin übern Berg!"

Tausende von wissenschaftlichen Einzelstudien und Hunderte von Meta-Analysen belegen die Wirksamkeit von Psychotherapie – ob mit Erwachsenen, Jugendlichen, Kindern, Familien, Paaren oder Gruppen. Nachweislich sind psychotherapeutische Heilverfahren für die seelische Gesundheit sogar wirkungsvoller als viele Behandlungen von körperlichen Erkrankungen. Personen brechen eine psychotherapeutische Begleitung auch deutlich seltener ab als medikamentöse Therapien. Man zieht Psychotherapie lieber einer Pharmakotherapie vor. Zudem sind psychotherapeutische Behandlungen im Vergleich zu Arzneimittel nachhaltiger.

Ziel von Psychotherapie bewegt ist es, durch therapeutische Interventionen im Gehen sowohl die mentale als auch die leibliche Gesundheit zu fördern. Einerseits stärkt Bewegung das Herz- und Kreislaufsystem, verbessert die Herzgesundheit und erhöht die Lebenserwartung. Andererseits wirkt Bewegung in der Natur wohltuend auf alle Sinne. Allein das Betrachten von Naturlandschaften kann innerhalb von fünf Minuten nachweislich Stress abbauen. Ein Waldspaziergang lässt Ruhe in der Seele einkehren und belebt unser Gemüt. Wenn wir gehen, setzt das zentrale Nervensystem sogenannte Neurotransmitter frei. Diese Botenstoffe im Gehirn verbessern unsere Denkleistung und Kreativität, das Kurzzeitgedächtnis und unsere Fähigkeit Probleme zu lösen. Im Gehen nimmt der Sauerstoffgehalt im Blut zu, wovon das Gehirn und alle Organe profitieren. Psychotherapeutisches Gehen fördert das Erspüren eigener Kräfte und Ressourcen. Es unterstützt das Wahrnehmen von Emotionen, Gedanken und innerer Prozesse.

Die Anforderungen unserer Welt werden immer größer. Zunehmend führt die Digitalisierung am Arbeitsplatz zunehmend zu körperlicher Untätigkeit. Wir gehen immer weniger legen und kürzere Wege zu Fuß zurück – eine Hauptursache für viele Krankheiten und einer geringeren Lebenserwartung. Zugleich wird die eigene Freizeit offensichtlich kostbarer. Psychotherapie im Gehen verbindet therapeutische Begleitung gezielt mit Aktivität in der Natur. Dem herausfordernden Lebensalltag kann damit effizienter begegnet werden.



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